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Interessantes aus Wiesenau

Artikel aus der Märkischen Oderzeitung

SG Wiesenau Das preußische Wappentier im Vereinsnamen

Die SG Wiesenau ist mit 308 Mitgliedern einer der größten Sportvereine in der Region Eisenhüttenstadt.

09. März 2021, 06:00 Uhr•Wiesenau
Von Hagen Bernard

Vor dem Wappentier des Vereins: Maik Schüler (stellvertretender Vereinsvorsitzender) und Lars Müller (Vorsitzender) der SG Wiesenau 03.

Vor dem Wappentier des Vereins: Maik Schüler (stellvertretender Vereinsvorsitzender) und Lars Müller (Vorsitzender) der SG Wiesenau 03.© Foto: Hagen Bernard

 

Die vor 118 Jahren als Männerturnverein Krebsjauche gegründete SG Wiesenau 03 ist das gesellschaftliche Zentrum der 1277-Einwohner-Gemeinde. Derzeit zählt sie laut dem Vereinsvorsitzenden Lars Müller 308 Mitglieder. Darunter sind immerhin 95 Frauen sowie 43 unter 18-Jährige.

Doch was noch mehr die Akzeptanz im Ort ausdrückt – sage und schreibe 117 Mitglieder sind passiv, also halten aus lauter Verbundenheit auch zahlend die Treue.

 

Vereinsmitglieder in 4. Generation

„Manche sind gefühlt seit ihrer Geburt dabei, einige Familien sind schon in der 4. Generation Mitglied“, erklärt Lars Müller. Das trifft fast auch auf ihn zu. 1978 war er wie sein Stellvertreter Maik Schüler in den Verein eingetreten, seit 2006 gehören beide wie früher ihre Großväter auch dem Vorstand an und seit 2010 führt das Duo die SG Wiesenau 03 durch Höhen und Tiefen.

Das Tal durchschreitet der Verein derzeit Corona-bedingt, da sich ein wirkliches Vereinsleben nicht abspielt. Da zehren die Nulldreier natürlich in ihrer Erinnerung auch von den Höhen. Davon gibt es einige. Sicherlich ragen die Aufstiegsspiele 1952 für die DDR-Eishockey-Oberliga heraus und im Jahr 2007 die Eröffnung des Kunstrasenplatzes. Damals hatte weit und breit niemand solch eine Stätte, sogar die Regionalliga A-Junioren des jetzigen Vereins 1. FC Frankfurt hatten damals teilweise dort ihre Punktspiele ausgetragen und dort trainiert.

Im Umfeld der einzige Kunstrasenplatz

Dass ein solcher Platz ausgerechnet in Wiesenau in Betrieb genommen wurde, zeigt den Zusammenhalt und gleichzeitig die Kreativität der Führungsspitze der SG. Unter anderem wurde zur Finanzierung dafür ein Teil des Trainingsgeländes an Netto verkauft, der folglich darauf seinen Discounter errichtete. Zuletzt entstand in der Nachbarschaft eine Wohnanlage für Senioren, mit der es eine enge Zusammenarbeit gibt. So werden dort die Rasenabfälle des Vereins kompostiert und hat die SG Wiesenau 03 mit einem Sandwall für Eidechsen dazu beigetragen, dass Auflagen des Naturschutzes zur Errichtung der Wohnanlage erfüllt wurden.

Den Sportlerball gibt es seit 1948

Weit größere Vereine in der Nachbarschaft würden ebenfalls ganz gern das ganze Jahr über Fußball spielen und haben immer noch nicht solch eine Spielfläche.

 

Wiesenau feiert seinen 650. Geburtstag

 

Die Anlegung des Rasenplatzes 1991 und 2013 dessen Wiederherstellung, da er auf der Suche nach Munition im Zuge der Anlegung des Kunstrasens nahezu komplett durchwühlt worden war, sind laut Müller weitere herausragende Ergebnisse des gemeinsamen Zusammenwirkens der Mitglieder. Dazu zählt auch der mit Ausnahme zuletzt wegen Corona seit 1948 durchgehend organisierte Sportlerball, die 2011 wieder ins Leben gerufenen Reitturniere, der traditionelle Neujahrsempfang für die Senioren oder auch die Treidelkirmes, die die SG Wiesenau 03 mit organisiert. Immerhin 12 000 Besucher werden jährlich auf der Sportstätte gezählt.

Den Vereinsadler aus der Versenkung geholt

„Wir erhalten zwar von der Gemeinde eine jährliche Unterstützung, doch das meiste haben wir in Eigenleistung geschaffen“, erklärt Lars Müller. So wurde im Sommer die Abwasserleitung hinter den Kabinen saniert oder auch mitels Sammlungen die Barriere um die Spielfläche finanziert.

Mittels einer Sammlung der Vereinsmitglieder entstand auch das Denkmal mit dem Wappentier der SG Wiesenau 03, dem Adler. Als SG „Adler“ Wiesenau nach dem Krieg 1948 wiedergegründet, wurde im Zuge der Gründung der DDR dieses urpreußische Wappentier aus dem Vereinsnamen verbannt.

Da der Begriff „Adler“ im Sprachgebrauch vieler Mitglieder, Anhänger und der sportlich konkurrierenden Vereine erhalten blieb, besann sich vor einigen Jahren Lars Müller darauf, als er ein solches Sandsteingebilde beim Eisenhüttenstädter Steinmetzmeister Heiko Dorn entdeckte.

1800 Euro für Skulptur, Sockel und Zaun

Der „fußballverrückte“ Steinmetz und Sponsor verschiedener Fußballvereine überließ die Skulptur den Wiesenauern recht preisgünstig und diese sammelten 1800 Euro an Spenden ein, um Sockel, Zaun und Skulptur zu finanzieren. Der nächtlich angestrahlte Adler ist für die an der Hauptstraße Vorbeifahrenden nahezu unübersehbar. Eine Konstante als Treffpunkt der Gemeinde ist auch die normalerweise täglich geöffnete Vereinsgaststätte.

Voraussetzung für ein intaktes Vereinsleben sind jedoch auch die zuverlässig im Hintergrund Agierenden wie Elke Jahnke, die Jahr für Jahr kostenlos die Spielkleidung wäscht. Als Dankeschön hatten die Spieler ihr vor einiger Zeit ein Fahrrad spendiert. Dabei ist Lars Müller nicht bange, dass es auch zukünftig Leute wie er, Maik Schüler und Elke Jahnke gibt, die viel Zeit in den Verein stecken. So gebe es durchaus auch unter den jüngeren Spielern bereits einige, die aus freien Stücken Arbeit und Zeit in ihre SG Wiesenau 03 stecken.

HandwerksmeisterSchuhmacher Günter Schulz - Vertreter eines aussterbenden Handwerkes

Günter Schulz hat sieben Jahrzehnte als selbstständiger Schuhmachermeister gearbeitet. Seit zwei Jahren tritt der 92-Jährige kürzer.

01. November 2020, 10:47 Uhr•Wiesenau
Von Hagen Bernard

Günter Schulz in seiner Werkstatt: Der fast 92-Jährige repariert hin und wieder noch etwas für alte Freunde. Regelmäßig kommen deswegen noch Anfragen.

Günter Schulz in seiner Werkstatt: Der fast 92-Jährige repariert hin und wieder noch etwas für alte Freunde. Regelmäßig kommen deswegen noch Anfragen.© Foto: Hagen Bernard

 

Der fast 92-jährige Günter Schulz ist in Wiesenau der  Inbegriff eines fast ausgestorbenen Handwerkes – dem eines Schuhmachers.

Während einst die in Handarbeit gefertigten Schuhe viele Jahre halten mussten, werden die Treter seit 100 Jahren industriell gefertigt und sind auf schnelleren Verschleiß ausgerichtet.

Bis in die 1960er-Jahre hat Günter Schulz noch Schuhe nach individuellem Bedarf gefertigt, ein paar Halbschuhe habe damals um die 50 Mark gekostet. Oft hatte er einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag. Der Beruf war für ihn Berufung, ein Hobby habe er nicht. Hunderte Leisten verschiedener Größen und Formen in seiner Werkstatt erinnern daran. Doch seit einem halben Jahrhundert sind seine Fertigkeiten auf die Reparatur begrenzt.

Gerade fragt eine Frau telefonisch an, ob er noch Schuhe repariere. Günter Schulz verneint. Zwar habe er seine Werkstatt mit dem Kanonenofen, der Step-, Ausputz- und Doppelmaschine, der Werkbank, den Regalen und den Schemel zum Sitzen, doch zum Arbeiten dort komme er nur noch selten. Wenn mal ein guter Bekannter drum bittet. Sieben Jahrzehnte war er selbstständig, den Meisterbrief hatte er am 25. Juni 1955 erhalten.

„Bis vor zwei Jahren habe ich regelmäßig Schuhe entgegengenommen, doch dann kam das Nasenbluten und die Herz-OP. Seitdem trete ich kürzer.“ Erst recht, als im Sommer seine gleichaltrige Frau Helga ihn für immer verließ. „Sie hatte bis zum letzten Tag sich um den Garten gekümmert.“ Man sieht es ihm an, dass er daran schwer trägt. Gerade hilft ihm seine Enkelin im Haus an der Rießener Straße, das sein Vater, ein Groß Lindower, 1929 gekauft hatte. Da war Günter Schulz ein Jahr alt.

Essen per Lieferservice - am liebsten Eintopf

Von der AWO kommt zweimal täglich jemand. Das Essen wird geliefert, am liebsten esse er Eintopf. Über das linke Bein kann er sich nicht mehr den elastischen Strumpf überziehen. Am anderen hat er eine Unterschenkelprothese. Da war er am 17. Mai im Garten hinter dem Haus auf eine Mine getreten. „Hier war Hauptkampfgebiet. Die meisten Gleichaltrigen waren umgekommen. Wir mussten mit dem Pferdefuhrwerk in die Halbe Stadt nach Frankfurt zur Operation. Die erfolgte unter Kerzenschein, als Narkose erhielt ich Branntwein.“

Glück im Unglück hatte Günter Schulz mit seiner Verletzung. „Mit der Prothese habe ich sogar getanzt. So manch einer weiß gar nicht, dass ich eine trage.“ Nun macht das ursprünglich gesunde Bein Probleme. „Wahrscheinlich sind da noch Splitter drin.“ Während das Gehör nachlässt, sind die Augen noch recht gut. Die Märkische Oderzeitung will er nicht missen. „Vor allem interessiert mich der Kreisteil.“

Handwerk in Frankfurt erlernt

Sein Handwerk erlernt hatte er in Frankfurt und Fürstenberg. „Der Meister sagte zu mir, in schlechten Zeiten geht es dem Schuster gut, jetzt ist es umgekehrt, es gibt nur noch die Orthopädie. Dafür habe ich aber keine Ausbildung. Vier Schuhmacher  waren wir damals, in den 50-er-Jahren war ich nur noch der einzige  hier.“

Bereits damals habe er sich zu seinem Handwerk etwas dazuverdienen müssen. So habe er sich bei einem alten Sattler im Ort, der nicht mehr nähen konnte, einiges angeeignet und fertigte später selbst Markisen. Werkzeugtaschen und reparierte Pferdegeschirr. „Das brachte mehr ein als die Schuhe.“

 

LebensgeschichteLPG und Kirchenältester – er prägte die Ortsgeschichte von Wiesenau mit

Hans-Joachim Schulz war vier Jahrzehnte Gemeindevertreter. Der 86-Jährige blickt mit seiner Frau auf ein arbeitsreiches Leben zurück.

31. Oktober 2020, 18:02 Uhr•Wiesenau
Von Hagen Bernard

Zu Hause: der langjährige Wiesenauer Gemeindevertreter Hans-Joachim Schulz

Zu Hause: der langjährige Wiesenauer Gemeindevertreter Hans-Joachim Schulz© Foto: Hagen Bernard

 

Vier Jahrzehnte hat Hans-Joachim Schulz in Wiesenau als Gemeindevertreter gewirkt. „Er hat viel für die Gemeinde getan. Er war in der LPG von Anfang an mit dabei und war viele Jahre Kirchenältester“, erinnert sich die stellvertretende Bürgermeisterin Heike Böttcher.

Jetzt ist Hans-Joachim Schulz 86 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner Frau Martha etwas zurückgezogen in seinem Haus an der Kirchstraße 9, wo er auch geboren wurde. Beide sind in ihrer Mobilität beeinträchtigt.

Sein Vater hatte eine 19 Hek­tar große Wirtschaft, dort musste Hans-Joachim Schulz bereits als Schuljunge mit anpacken. Mit 14 Jahren hatte er – wie damals die meisten – die Schule verlassen und arbeitete bis 1960 als Einzelbauer. Zunächst mit drei Pferden, dann als die MAS (Maschinenausleihstation) kam, sattelte er auf die motorengetriebenen Pferdestärken um. Erst recht ab 1960 als LPG-Mitglied.

In erster Linie Traktorist

Dort arbeitete Hans-Joachim Schulz in erster Linie als Traktorist, fuhr Mähdrescher und war von 1983 bis 1989 Brigadier, unter anderem als Komplexleiter für Zuckerrüben. Zudem bildete er mit Lehrlinge aus. „Eigentlich bin ich so ziemlich alles gefahren, eine leitende Tätigleit hatte ich lange vermieden.“ 1991 ging er als 57-Jähriger in den Vorruhestand. Seine Rheuma-kranke Frau benötigte ihn.

Eigentlich habe er nie nach Höherem gestrebt, dennoch hat er lange das gesellschaftliche Leben des Ortes geprägt. Schließlich packte er mit an, wenn er darum gebeten wurde. So gehört er seit 1946 der Freiwilligen Feuerwehr an, war viele Jahre Löschmeister. Zudem organisierte er Fastnachts- und Erntefeiern. Ab 1962 war Hans-Joachim Schulz als Mitglied der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) Gemeindevertreter, seit 1961 DBD-Ortsvorsitzender. Ab 1964 amtierte er sogar als stellvertretender Bürgermeister, bis auch für den Stellvertreter-Posten ein SED-Mitglied verlangt wurde.

Er machte nach der Wende weiter

Während nach der Wende von den einstigen politischen Weggefährten kaum noch einer als Gemeindevertreter weitermachte, blieb Hans-Joachim Schulz noch drei Wahlperioden bis 1998 bei der Stange. Der damalige Bürgermeister Klaus Köhler habe ihn damals überredet, als Abgeordneter noch weiter zu machen. Da die DBD in die CDU aufgegangen war, kandidierte er fortan als Parteiloser. „Zuletzt war ich in der Gemeindevertretung als einziger aus der DDR noch übriggeblieben.“

Viele Jahre war er Kirchenältester, dabei Friedhofspfleger und Sargträger. Ursprünglich habe man ihm diese Kirchentätigkeit in der DDR ausreden wollen, doch davon wollte er sich nicht trennen. „Eher wäre ich aus der Bauernpartei ausgetreten.“, erklärt er. Als Kirchenältester hatte der Vater eines Sohnes und einer Tochter im Jahr 2007 aufgehört.

Auch im Vorruhestand legte er seine Hände nicht in den Schoß. So half er seiner Tochter beim Hausbauen. Um sein eigenes musste er sich beim Oderhochwasser 1997 intensiv kümmern. „Mehrere Zentimeter stand das Wasser im Wohnzimmer hoch.“ Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. Mit dem Geld aus der Hochwasserhilfe habe er renoviert und sich neu eingerichtet.

Ein arbeitsreiches Leben geführt

Sehr aufgeräumt sieht es im Wohnzimmer aus, der Sohn lebt im Haus, die in Eisenhüttenstadt arbeitende Tochter schaut abends regelmäßig vorbei. Hans-Joachim Schulz blickt auf ein arbeitsreiches Leben zurück, das bei ihm Spuren hinterlassen hat. Seit zwei Jahren benötigt er Gehhilfen, vor einem Jahr erhielt er eine neue Hüfte, vor zwei Jahren wurden ihm Stents gesetzt. Die nachlassende Gesundheit prägt den Alltag. Insgesamt ist Hans-Joachim Schulz mit seinem Leben zufrieden, zumal er ja auch noch seine Frau bei sich hat. „Wir haben uns immer gut vertragen. Und wenn es dann kommt, kann man nichts machen. Schließlich wird nicht jeder 86 Jahre alt.“

 

Ein Jahrzehnt in Wiesenau die Frau für Notfälle

Die heute 80-jährige Barbara Neuhaus war ein Jahrzehnt Gemeindeschwester in Wiesenau. Sie leitete den örtlichen Frauenbund und bis 2010 die Arbeiterwohlfahrt.

07. Dezember 2020, 07:00 Uhr•Wiesenau
Von Hagen Bernard

War zehn Jahre Gemeindeschwester in Wiesenau und lange für Frauenbund und Arbeiterwohlfahrt ehrenamtlich tätig: die 80-jährige Barbara Neuhaus

War zehn Jahre Gemeindeschwester in Wiesenau und lange für Frauenbund und Arbeiterwohlfahrt ehrenamtlich tätig: die 80-jährige Barbara Neuhaus© Foto: Hagen Bernard

 

Das waren noch Zeiten, als die Gemeindeschwester bei Krankheit oder Verletzung nahezu rund um die Uhr zur Verfügung stand. Die 80-jährige Barbara Neuhaus ist eine der damals vielen Helferinnen in den ländlichen Gebieten. „Heute ist so eine Nähe zu den Leuten nicht mehr gewollt. In Wiesenau kannte mich damals nahezu jeder“, erklärt die dreifache Mutter.

Von 1966 bis 1975 hatte die in Aue ausgebildete Schwester für ein Jahrzehnt die 2000-Einwohner-Gemeinde Wiesenau betreut. Während bei ihr nahezu täglich Sprechstunde war, kam ihr damaliger Arzt, der Eisenhüttenstädter Dr. Ott, zweimal wöchentlich dorthin.

 

Nach der Ausbildung erst einmal an die Küste

Nach der Ausbildung hatte sich Barbara Neuhaus erst einmal auf der Insel Usedom die ersten Sporen in ihrem Beruf verdient. Sie betreute drei Gemeinden. Während sie mit ihrer Arbeit – die sie ohnehin als Berufung ansah – sich gut ausgefüllt fühlte, hatte ihr das Wohnumfeld an der Küste überhaupt nicht angetan. „Die Wasser-Pumpe war auf dem Hof, die Toilette ein Donnerbalken, Waschen musste ich alles mit der Hand, für mich als Stadtkind war es schnell mit der Romantik vorbei.“

Immerhin hatte sie dort ihren Mann Günter (81) kennengelernt, mit dem sie vor vier Jahren Goldene Hochzeit feierte. Als Elektriker war er oft auf Montage, sie musste den Haushalt mit den dort beiden Kindern oft allein besorgen. Wenn dann nachts noch ein Notfall war, fuhr sie mit dem Moped raus. „Das wäre heute undenkbar, meine kleinen Kinder schliefen dann allein zu Hause.“ Die Krippe beziehungsweise der Kindergarten arbeiteten damals nur während der Erntezeit.

Mann bekommt Arbeitsstelle im Finkenheerder Kraftwerk

Glücklicherweise hatte sich nach viereinhalb Jahren für ihren Mann eine Arbeitsstelle im Finkenheerder Kraftwerk ergeben. Eine Drei-Raum-Wohnung in einem damaligen Neubau, also fließendes Wasser und das Klo in der Wohnung, dazu durchgängig Kita und Kindergarten sowie eine Schule im Ort und ein Mann, der nun ständig mit zu Hause war. Für Barbara Neuhaus war es kaum eine Frage, nach Wiesenau zu ziehen.

Anfangs hatte sie im Eisenhüttenstädter Krankenhaus gearbeitet, doch als ihr die Gemeindeschwester-Stelle in Wiesenau angeboten wurde, sagte sie zu. „Die Gemeindeschwester war meine Erfüllung. Auch wenn ich nachts mal raus musste, doch diese Arbeit war abwechslungsvoller als im Krankenhaus.“

Kenntnis von den sozialen Verhältnissen ihrer Patienten

So hatte sie unter anderem die angehenden Mütter zu betreuen, auch nach der Entbindung mussten sie für einige Zeit noch regelmäßig bei ihr erscheinen. „Es gab natürlich auch schon damals Frauen am Rande der Gesellschaft, die nicht von allein zu mir kamen. Dann besuchte schließlich ich sie. Die hatten alle Respekt und haben gehört. Und wenn jemand beispielsweise hohen Blutdruck hatte, dann kannte man die sozialen Verhältnisse und konnte sich die Ursache herleiten. Doch so viel Nähe gibt es heute nicht mehr. Hinzu noch der Datenschutz“, scheint Barbara Neuhaus den längst vergangenen Zeiten etwas hinterher zu trauern. Beispielsweise habe es damals eine allgemeine Impflicht gegeben. „Das jetzt wieder jemand an Masern erkrankt, ist unnötig. Wer mal Masern hatte der diskutiert nicht, wenn er sich dagegen impfen lassen muss.“

Hausbesuche, Pflegefälle, Verbände anlegen, Schwangere und junge Mütter betreuen sowie ihren Patienten gut zureden – das waren so ihre Aufgaben in Wiesenau. Bis sie aus gesundheitlichen Gründen diese Tätigkeit aufgab. „Es ist wie bei einem Service. Die angeschlagene Schüssel überlebt alles. So ist es auch bei mir. Mich gibt es immer noch, ich versorge Haus und Hof, dazu lese ich sehr viel, vor allem Historisches.“

Ist oft im nahe gelegenen Wald in Rautenkranz

Mittlerweile ist Barbara Neuhaus 80 und ist im gemütlich eingerichteten Haus an der Sandstraße glücklich mit ihrem ein Jahr älteren Mann. Regelmäßig gehe sie spazieren, meistens mit ihrem zwölfjährigen Hochland-Terrier, so unter anderem im nahe gelegenen Wald in Rautenkranz.

Engagiert hatte sie sich auch außerhalb ihres berufliches Umfeldes. So war sie jahrelang die Ortsvorsitzende des Demokratischen Frauenbundes, damals noch eine Massenorganisation, die sich jetzt hauptsächlich um Frauenhäuser kümmert. Dazu sang sie im inzwischen aufgelösten Wiesenauer Chor und war bis 2010 Vorsitzende der örtlichen Arbeiterwohlfahrt. Doch irgendwann sollen Jüngere ran. „Viele sind mit den Jahren zugezogen, die ich nicht kenne. Mittlerweile kenne ich fast mehr Leute auf dem Friedhof.“

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